Hans-Albers-Platz

Diese kurze Geschichte flatterte mir über den Schreibtisch. Die Bitte lautete, sie nur einmal zu korrigieren, sie sollte überhaupt nicht veröffentlicht werden, schon gar nicht mit Namen. Was sollen denn sonst die Nachbarn denken?!

Mit etwas Überredungskunst bekam ich vom Autor die Erlaubnis, sie hier anonym veröffentlichen zu dürfen, was mich sehr freut, denn ich finde die Geschichte ganz zauberhaft 🙂

Hans-Albers-Platz

Ich schlug meinen Mantelkragen hoch. Es war ungewöhnlich kalt für Mitte Oktober. Kein goldener Herbst. Die Zeitungen sprachen vom „Schocktober“. Und nun hatte es auch noch zu regnen begonnen. Ein unangenehmer Nieselregen, dessen Kälte und Ungemütlichkeit durch alle Ritzen kroch.

Ich wollte noch zur Herbertstraße, um ein paar Fotos zu machen, und sicherlich auch um zu beobachten, was für Typen hinter der Sichtblende verschwanden, und überquerte gerade den Hans-Albers-Platz. Auf den Bordsteinen standen einige Damen, die offenbar die verschiedensten Geschmäcker bedienten. Die pummelige Ordinäre war genauso vertreten wie die magere und drogenabhängig wirkende Punkerin, die sie vielleicht auch war. Dann noch eine mit Kindchenschema und der burschikose Typ. Einige fragten mich, ob ich nicht mitkommen wollte, und ich sah sie freundlich an und schüttelte lächelnd und dankend den Kopf. Andere fragten gar nicht erst, sie wussten wohl, dass sie nicht mein Typ sein konnten.
Ich kam zu der Absperrung, die die Sicht in die Herbertstraße blockiert, und zog meinen Fotoapparat aus der Tasche. Ich zögerte, schaltete ihn gar nicht erst an, sondern ließ ihn wieder in den Mantel gleiten. Hier standen so viele von den Frauen, dass sie unweigerlich mit aufs Bild gekommen wären. Ich wollte ihr Elend nicht in meinem Fotobuch haben, und sie sollten sich nicht wie das Freiwild fühlen, das sie sein mussten.

Irgendwann ging ich zurück. Mir war klar, wie das für die Mädels aussehen musste, wenn ein Mann meines Alters nach wenigen Minuten unschlüssigen Herumstehens unverrichteter Dinge wieder vorbeikam. Die Frauen luden mich erneut ein, als ob sie mich noch nie gesehen hätten. Hatten sie wahrscheinlich auch nicht. Nicht mal eben gerade, als sie mich das erste Mal einluden.

Ich mochte vielleicht zehn Meter gegangen sein, da löste sich denn auch eine von ihrem Platz, kam auf mich zu und stellte sich mir mitten in den Weg. Sie war mir vorhin schon aufgefallen. Sie war die einzige, die mein Typ gewesen wäre, mit ihrer braunen Wuschelmähne, den Rehaugen und einer recht natürlichen Ausstrahlung. Sie hätte das nette Mädel von nebenan sein können.

Nun stand sie vor mir. Es gibt so Momente im Leben, da ist es schade, dass die Freiheit des Junggesellendaseins vorbei ist. Plötzlich wünschte ich mir, ich hätte damals diese zwanglose und unangestrengte Erfahrung mitgenommen.
„Wo willst du denn hin?“, fragte sie mich, und es klang merkwürdigerweise so vertraut, als würden wir uns schon lange kennen. Offenbar hatte sie mich wiedererkannt. Ich nahm das als Kompliment. Klar musste ich entscheidungsschwach gewirkt haben in meinem unentschiedenen Hin und Her, das sie offenbar beobachtet hatte. Nun wollte sie mir offenbar helfen, mich zu entscheiden. Vielleicht war ich ihr Typ. Vielleicht auch nur die am wenigsten widerwärtige Alternative des Abends.

„Nach da“, sagte ich und zeigte unbestimmt in eine Richtung.
„Was willst du denn da?“, hakte sie nach, und ihre Augen schienen schalkhaft zu glitzern. Sie umfasste das Revers meines Mantelkragens wie eine liebe alte Freundin, die mich eindringlich von etwas überzeugen will.
Mir war es unangenehm, zum ersten Mal auf der Straße von einer Prostituierten angesprochen zu werden. Ich wollte weg. Aber ich genoss es, von diesem Menschen angesprochen zu werden, und wollte gerne bleiben. Ich hielt sie für ein eigentlich nettes und warmherziges Mädchen mit Sinn für Humor.
„Gucken“, sagte ich lahm und schaute angestrengt Richtung Reeperbahn.
„Gucken kannst du auch bei mir.“ Es könnte so einfach sein, mach es dir doch nicht so schwer, schien ihre Stimme zu sagen. Oder war es meine? „Da darfst du sogar anfassen.“

Ich schaute unwillkürlich an ihr herunter. Sie war dick eingemummelt bei der Kälte. Ihre Beine in der schwarzen Strumpfhose waren schlank und perfekt geformt. Der kurze Rock bedeckte einen Hintern, der offenbar genau richtig war, nicht zu groß, nicht zu flach. Von dem Rest konnte ich aufgrund ihres Mantels und eine großen Schals nichts erkennen, aber es bestand Grund zu der Annahme, dass ihre Kurven fraulich und straff und echt waren. Sie verstand meinen Blick falsch.

„Dreißig Euro“, bot sie an, und es klang wie die Metzgersfrau bei uns im Dorfladen, die ihr Filet in der Fleischauslage für einen besonders günstigen Schnäppchenpreis anpries.

Ich war schockiert. Damit hatte ich nicht gerechnet. Nicht mit diesem Preis. Das Brunchen heute morgen war teurer gewesen. Ich dachte an unsere Nachbarsfamilie, die ihren Sommerurlaub im schicksten Hotel mit Kinderbetreuung in einem teueren Urlaubsort verbrachte und darüber schimpfte, dass sie sich das nur eine Woche leisten konnten, was ja viel zu wenig sei, während der Mustang, den er sich als Hobby zugelegt hatte, abgedeckt in der Garage stand. Ich dachte an die Menschen meiner Generation, die genaue Vorstellungen davon hatten, welcher Lebensstandard ihnen ihrer Meinung nach zustand, und die jammerten, klagten und schimpften, wenn das Geld dafür nicht reichte, statt ihren Lebensstandard an ihr real existierendes Geld anzupassen.

Alles Glück hat einen Scheitelpunkt. Irgendwann kann man nicht mehr noch glücklicher werden. Und dann folgen Desillusionierung, Verdruss und Unzufriedenheit. In einem Land, in dem diejenigen, denen es am besten geht, diejenigen sind, die am lautesten jammern und schimpfen, läuft etwas grundverkehrt. Es hat seinen Zenit überschritten. Und jetzt stand hier vor mir ein hübsches Mädchen, und was viel mehr war, wohl auch ein schöner Mensch, und bot einem Mann, der ihr Vater hätte sein können, ihren Körper zum Flatrate-Ficken an. Ich hätte sie gerne gefragt, wie es dazu gekommen war. Typisches Freier-Verhalten, soweit ich weiß. Ich hob langsam die Hand, legte sie auf ihre Wange und streichelte sie mit dem Daumen. Sie ließ es geschehen und schaute mich warm an.
„Das ist ein überaus attraktives Angebot. Und ich rede jetzt nicht vom Geld“, sagte ich. „Aber ich muss trotzdem Nein sagen.“
„Ach was!“, tat sie meinen Einwand strahlend ab. „Wenn du erst meine Titten im Gesicht hast, sagst du nicht mehr Nein!“ Es klang so billig und ordinär, wie sie sein musste. Ich weigerte mich zu glauben, dass das tatsächlich ihr persönlicher Stil sein sollte. Es tat mir weh, sie so reden zu hören.
„Nichts gegen deine Titten, die sind bestimmt toll“, erwiderte ich und ließ meine Hand sinken. Ihre Hände hielten noch immer mein Revers gepackt. „Aber ich habe drei gute Gründe, nicht mitzukommen.“
Sie ließ mein Revers los und schaute spöttisch. „Ach, und wo sind die?“, fragte sie genervt. Ich hatte mal gelesen, dass der weitaus größte Teil der Freier nicht Singles oder Postpubertäre oder Rentner oder Männercliquen auf Freigang waren, sondern brave Jungvatis, die sich auf diese Weise für die durchwachten Nächte mit dem plärrenden Nachwuchs entschädigten. Wahrscheinlich hatte auch sie dieses Argument schon des Öfteren von gewissensgeplagten Typen meines Alters gehört. Sie war schließlich Profi. Auch ich hatte meine guten Gründe ja offensichtlich woanders gelassen.
„Zwei kann ich dir zeigen“, erwiderte ich und holte mein Portemonnaie aus der Manteltasche. Wahrscheinlich hat sie innerlich aufgejault, als der Vati vor ihr nun die Fotos seiner Kinder hervorholte. Sie war schließlich Sexdienstleisterin, nicht Seelenmasseuse. Andererseits gehörte es zu ihrem Job, interessierten Kunden eventuelle Gewissensbisse zu nehmen. Also schaute sie pflichtschuldigst auf die beiden Fotos. „Wenn ich jetzt mit dir mitgehe, sehe ich diese beiden nie wieder.“

Da wusste sie, dass sie keinen Kunden haben würde. Vergebliche Liebesmüh, vergeudete Zeit. Trotzdem lächelte sie mich an. Ich war überrascht. „Du bist süß“, sagte sie und streichelte meine Wange. „Grüß die beiden. Haben einen tollen Papa.“ Sie sah mich wehmütig an. Warum? Hatte sie sich auf mich gefreut, als Mann? Hätte sie auch gerne einen netten Papa gehabt? Gab es ihr ein bisschen Glauben an die Männer zurück, dass nicht alle gleich sind und ihre Familien für schnellen, unkomplizierten Sex hintergehen? War es Sehnsucht nach einer Welt, die heiler ist als ihre eigene? Ich hätte sie gerne mitgenommen, zu unserer Familienfreundin gemacht. Rausgeholt. Alter Freier-Traum, ich weiß.
Ich wollte schon gehen, aber ihr warmer Blick hielt mich fest.
„Was kostet denn bei dir eine Umarmung?“, fragte ich mit ziemlichem Herzklopfen.
Sie lächelte. „Nichts.“

Wir hielten uns eine Weile fest, und nein, ich roch kein billiges Parfüm. Dann ließ ich sie los, streichelte noch einmal ihren Oberarm, schaute ihr in die Augen und sagte: „Viel Glück!“
Sie sagte nichts, und ich ging weg.

Mag sein, dass ich ihr etwas gegeben habe, das nichts gekostet hat und doch mehr wert war als dreißig Euro. Alte Freier-Phantasie, ich weiß.

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Dezemberzeit – Kalenderzeit

Der Schreibkalender von Tinka Beere

Dieses Jahr hatte ich das Glück, einen sehr besonderen Kalender besprechen zu dürfen – und auch gleich ein Last-Minute-Weihnachtsgeschenk für die schreibende Zunft zu finden. Aber der Reihe nach.

Kalender gibt es viele – aber das Jahr der Büchermenschen tickt manchmal etwas anders als für den Rest der Welt. Dies hat sich die Autorin Tinka Beere zum Prinzip gemacht und einen Kalender entwickelt, der speziell für Autoren Gold wert ist. Denn für Wortakrobaten haben die Frankfurter Buchmesse, Literaturcamps, der NaNoWriMo, diverse Cons und Co. mindestens den Stellenwert wie bei Normalsterblichen der Tag der Arbeit oder Neujahr. Was liegt also näher, als ein Kalendarium zu entwerfen, in dem all die Eckdaten der Bücherwelt übersichtlich zu finden sind? Damit startet der Schreibkalender und stimmt somit von Anfang an auf ein schreiberisches Jahr mit vielen Buchhighlights ein.

Das Schreibtagebuch-Kalendarium im Anschluss wiederum ist dem persönlichen Schreibprozess gewidmet mit genügend Platz, um knapp zu notieren, was wann wie und warum geschrieben wurde – natürlich muss sich niemand daran hindern lassen, auch profane Dinge wie einen Zahnarzttermin oder (noch unangenehmer) die Abgabe der Steuererklärung zu notieren. Denn Termine, die auf Papier gebannt sind, verstopfen nicht die Kreativität.

Der Mehrwert dieses Kalenders liegt aber auch und vor allem in den praktischen Schreibtipps, mit denen Tinka Beere ihre Autoren motiviert, und in den Projektübersichten. Denn das Gelingen eines Buchprojekts steht und fällt mit der Organisation. Von der Idee bis zum Marketing lässt sich in den vorgefertigten Plänen alles notieren, was zum Veröffentlichen eines Buches gehört. Zudem ist es ungeheuer motivierend, in der Übersicht das Gedeihen des Manuskripts beobachten zu können.

Zum guten Schluss ein Wort zur Verarbeitung: Ich gestehe, ich habe eine Buchrücken-Macke. Ich ertrage es nicht, wenn ein Buchrücken Brüche oder auch nur Knicke aufweist. Also muss ich gaaaanz vorsichtig damit umgehen. Daher bin ich gerade bei Kalendern, die schließlich tagtäglich im Gebrauch sind und daher einiges aushalten müssen, ein erklärter Fan der Spiralbindung. Praktisch, langlebig und schick.

Fazit: Von innen und von außen ein Must-have für Autoren und solche, die es werden wollen.

Schreibkalender

Tinka Beere: Schreibkalender 2018, ISBN 978-3745060492, 13,99 €

 

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Roland Herden: Willkommen in Rabitaan

 

Es gibt zurzeit nur ein Thema, über das alle reden, wo sich alle (scheinbar) auskennen und wo alle (offensichtlich) eine Meinung haben. Natürlich hat jeder die einzig richtige 😉 – über die Flüchtlingskrise.

Doch hat jemand schon mal eine Flüchtlingsunterkunft von innen gesehen? Eher nicht, denn man kann ja als Außenstehender nicht einfach klingeln, hineinspazieren und sich umschauen. Schade eigentlich, denn dann wären viele Vorurteile entkräftet.

Roland Herden konnte das jedoch, denn als Security arbeitete er in einer Flüchtlingsunterkunft, um Innenansichten gewinnen zu können. Diese teilt er mit. Erfahrungen mit Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit und einem kleinen Stück vom Glück in Europa landen. Ihre Erfahrungen, Hoffnungen und Träume. Und vor allem: ihre Normalität. Denn nach Herdens ehrlicher Ansicht ist es im Flüchtlingsheim vor allem eins, nämlich ganz normal im Rahmen nicht ganz alltäglicher Umstände. Normale Menschen, die normale Hoffnungen haben. Und ganz viel Rabitaan 😉

Ich empfehle dieses Buch wärmstens für Menschen, die sich nicht nur informieren möchten, sondern gern auch ein kleines Lächeln auf den Lippen hätten, gerade jetzt.

rabitaan

Roland Herden: Willkommen in Rabitaan, exklusiv bei Amazon

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Die vier Söhne des Doktor March

Im gutbetuchten Haushalt des Doktor March macht die Haushälterin Jeanie eine grausige Entdeckung. Zugegeben, sie hätte nicht im Haus herumschnüffeln und den Pelzmantel der gnädigen Frau anprobieren dürfen. Aber was sie im Futter des Mantels versteckt findet, verschlägt ihr den Atem: Ein anonymes Tagebuch, das minutiös den Mord an der Nachbarstochter gesteht. Und noch viel mehr grausige Details, blutrünstige Phantasien und morbide Ideen bringt Jeanie ans Tageslicht. Wie durch einen Bann zieht es sie immer wieder zu dem Tagebuch hin, das grauenhafterweise immer weitergeschrieben wird, bis sie irgendwann ihren eigenen Namen und den geplanten Mord an ihr selbst zu lesen bekommt. Sollte der Täter sie entdeckt haben? Jeanie vertraut ihre Gedanken ihrem eigenen Tagebuch an, das sie sorgsam versteckt hält.

Schon bald ist klar: Der Mörder weiß Bescheid über Jeanies Entdeckungen – und ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel beginnt, das Jeanie in den Alkoholismus und an den Rand des Wahnsinns treibt.

Wer ist der Mörder? Er verschleiert gekonnt seine Identität, hält aber den Anschein aufrecht, einer der Söhne des Doktor March zu sein – Vierlinge, die sich extrem ähneln. Für Jeanie wird ihre tägliche Arbeit zur Zerreißprobe, steht sie doch möglicherweise ständig ihrem zukünftigen Mörder gegenüber. Aber am Schluss wird alles einen Sinn ergeben – jedoch zu spät …

Brigitte Aubert gelingt ein Kriminalroman mit der beklemmenden Atmosphäre eines Kammerstücks. Der Kunstgriff, mit dem dies gelingt, ist die besondere Struktur als Briefroman: Allein die Tagebucheinträge Jeanies und des Mörders sind es, die die Handlung vorantreiben – keine Dialoge oder Ähnliches. Daher fühlt man sich als Leser direkt einbezogen, indem man tiefen Einblick in die kranke Psyche des Täters und die immer labilere Verfassung Jeanies erhält.

Der Leser wird geschickt auf´s Glatteis geführt, genau wie Jeanie, die irgendwann gar nicht mehr weiß, wo Gut und Böse liegen – eigentlich ist jeder der Bewohner des Hauses March möglicherweise der Täter. Und dann auch wieder niemand. Wie wahr diese Beobachtung ist, erschließt sich erst am Schluss – als alles zu spät ist.

Ein Meisterstück der klassischen Kriminalliteratur – besonders empfehlenswert für verregnete Herbstabende, wenn der Wind um die Ecken streicht.

 

Brigitte Aubert: Die vier Söhne des Doktor March. dotbooks, 2017

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Tremendum et fascinosum

Stephan Harbort: Killerfrauen

Das Weibliche – sanft, freundlich, lebensspendend. So sollte man glauben. Nicht: sadistisch, todbringend, kaltblütig. Diese Attribute passen eigentlich nicht in das Bild, das man allgemein vom femininen Geschlecht hat. Doch Stephan Harbort widmet sich in seinem Buch „Killerfrauen“ genau diesem Phänomen, wenn Frauen zu Serienmörderinnen werden. Denn die „schwarzen Witwen“, „Todesengel“ und „Gifthexen“ morden anders als ihre männlichen Pendants, was sie so schwer zu fassen und auch schwer zu begreifen macht. Was ist es, das Frauen bewegt, zu kaltblütigen Mörderinnen, zu Sadistinnen oder zu gewissenlosen Täterinnen zu werden? Stephan Harbort lässt die Killerfrauen selbst zu Wort kommen. Er zeigt ihre Taten, erklärt die Hintergründe und wertet sie aus. Dabei wird schon im ersten Kapitel klar: Nichts ist spannender als die Realität.

Es geht bei den „Killerfrauen“ um mehr als um ein reines Täterprofil. Zwar werden nüchtern die Taten beleuchtet, die sozialen Hintergründe hinzugezogen, Statistiken ausgewertet. Aber Harbort geht einen entscheidenden Schritt weiter, und dieser ist es, der die „Killerfrauen“ so fesselnd macht: Er gibt den Täterinnen ein Gesicht, das abseits des Monströsen liegt. Nicht die Bestie steht im Vordergrund, sondern der Mensch. Vor allem der Mensch mit all seinen Abgründen, mit seinen Ungereimtheiten und seinen emotionalen Sackgassen. Nichts wird entschuldigt, nichts beschönigt, es wird nicht für Verständnis geworben. Aber eine umfassende Kenntnis über das Verbrechen und die Verbrecherin bietet die Möglichkeit, die Tat zu begreifen und zu entschlüsseln.

Rein erzählerisch gelingt dies durch eine ebenso simple wie geniale Erzähltechnik: Ungeschönt und unmittelbar im Präsens wird die Tat der jeweiligen Killerfrau geschildert. Packend wie ein Krimi mit dem besonderen Thrill der Realität – als würde man als Leser mit Grausen der Täterin über die Schulter gucken. Erst danach, wenn man sich schon im Strudel der Geschehnisse befindet, serviert Harbort die „Auflösung“ des Falls, indem er das Täterinnenprofil schildert, die Hintergründe durchleuchtet und für Laien sehr verständlich aufbereitet präsentiert.

Am Schluss findet sich der Leser in einem gewissen Zwiespalt wieder: Die geschilderten Episoden hätten so spannend und unterhaltsam sein können. Wenn, ja, wenn sie nicht tatsächlich in all ihrer Grausamkeit tatsächlich passiert wären. Wenn man doch nur das Buch zuklappen und denken könnte, es sei ja alles nur ausgedacht. Das ist es nicht – und genau dies macht das Tremendum et Fascinosum der „Killerfrauen“ aus.

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Stephan Harbort: Killerfrauen, Knaur 2017

 

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Eine Symphonie des Bösen

Astrid Korten: Zeilengötter. Bis dass der Tod uns scheidet

Malin ist jung, unerfahren und hat Ambitionen als Schriftstellerin. Adrian ist älter, erfahren, ein erfolgreicher Autor – und ihr verfallen. Hochzeit. Der Beginn einer großen Liebe. Sollte man meinen. Doch schon bald entpuppt sich das Märchen als Albtraum.

Neun Jahre später verarbeitet Malin, mittlerweile eine erfolgreiche Bestsellerautorin, erneut verheiratet, Mutter zweier Kinder, ihre Ehehölle in einem Roman, den Adrian zur Kenntnis nimmt. Angestachelt durch Malins sinnliche Lesung aus ihrem erotischen Roman „Rouge“ auf einer Haute-Couture-Show nimmt Adrian seine Exfrau wieder ins Visier. Mit verhängnisvollen Folgen, denn erst jetzt muss Malin erkennen, wozu ihr Exmann wirklich fähig ist. Die Qualen ihrer Ehe waren nur ein bitterer Vorgeschmack dessen, was sie nun noch erdulden muss. Und dann ist da ja auch noch ein weiterer Mann im Spiel …

Der Leser fühlt sich verstrickt in eine extrem dichte Schilderung der Geschehnisse. Rein formal geschieht dies über die interessante Verknüpfung zweier Erzählstile: Den Part Malins erfährt der Leser aus der Ich-Perspektive – direkt, beklemmend, angsteinflößend, voller düsterer Vorzeichen. Der Part Adrians hingegen wird von einem Erzähler geschildert – kühl, berechnend und von erschreckender Klarheit angesichts perfiden Pläne. Man fühlt sich in einen Strudel der Geschehnisse gesogen, aus dem es bis zur spannenden letzten Seite kaum ein Entrinnen gibt.

Dass Astrid Korten die Virtuosin der Poesie des Bösen ist, wussten wir schon lange, schließlich zeichnen sich alle ihre Psychothriller durch die besondere Psychologie der Täter aus. Doch hier geht sie einen Schritt weiter. Nicht die reine Gut-Böse-Dichotomie steht hier im Vordergrund. Es sind die Zwischentöne, die die Symphonie des Psychopathen bestimmen. Es ist nicht nur der psychopathische Täter der Teufel in Menschengestalt, sondern erhält das Böse einen Nährboden, eine unheilvolle Melange aus Wahn und finsteren Leidenschaften. Denn auch Malin ist nicht so blütenrein, wie sie scheint. Und am Schluss werden die Karten ganz neu gemischt.

In der Psychologie des Bösen schlägt Astrid Korten ein neues Kapitel auf. Doch der Boden, auf dem die Rose des Bösen ihre Blüten schlagen kann, ist nicht schwarz oder weiß. Die Zwischentöne zwischen Gut und Böse, Opfer und Täter sind es, die diesen Thriller zu etwas ganz Besonderem machen.

zeilengotter

Astrid Korten: Zeilengötter. Bis dass der Tod uns scheidet. AK Verlag, 2016.

 

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Der 1c1c Monochrom Buchkalender

Die etwas andere Buchbesprechung: Der 1c1c-Buchkalender

Alle Jahre wieder … kommt das Jahresende völlig überraschend. Aber spätestens, wenn man die Termine für den Januar des kommenden Jahres auf vielen Klebezetteln verteilt am Kühlschrank kleben sieht, wird klar: Ein Kalender muss her. Aber welcher?

Ich gebe zu – ich bin oldschool. Ich mag Papier und Bleistift, vor allem für den Kalender. Natürlich ist es praktisch, wenn das Handy oder das Mailprogramm losdudelt und einen mit zeitlichem Vorlauf an einen Termin erinnert. Aber irgendwie mag ich das Haptische an Papierkalendern. Ich habe das Gefühl, mit der Zeit direkt umzugehen, fühle mich sicherer im Managen des Büroalltags und mag vor allem das erhebende Gefühl, mit der Hand ein schwungvolles Häkchen hinter einen erledigten Termin zu setzen.

Ein Kalender muss viele Ansprüche erfüllen – nicht nur 365 Tage möglichst sinnvoll anzeigen. Eigentlich brauche ich den Eier legenden Wollmilchkalender. Eine Wochenübersicht auf einer Doppelseite. Auf einen Blick alle Tage. Aber ich brauche auch großzügige Tageseinteilungen, damit ich möglichst viel möglichst genau notieren kann – schließlich sind da nicht nur meine beruflichen Termine, sondern auch die privaten, die des Kindergartens, die der Schule, die des Reitvereins … Also gleichzeitig knappe Wochenübersicht und großzügige Tagesansichten. Hm-hm.

Und Notizen, ich brauche Platz für Notizen. Und für To-do-Listen. Und die Ferienzeiten. Und, und, und.

Das alles in einem Kalender! Da hilft nur eins, Prioritäten setzen und einen Kompromiss finden.

Oder: Ich greife zum 1c1c-Buchkalender. Starkes Teil, da hat man was in der Hand. Aber was! So schön fühlt sich der Filzumschlag an. Ordentlich dick ist das Material, bereit, mich durch die kommenden zwölf Monate zu begleiten, ohne Altersermüdung zu zeigen. Wo ist noch gleich der Bleistift? Klar, im Bleistiftfach, gleich vorn drauf. Schick, schick. Man möchte ihn eigentlich erst mal nur streicheln, um das wunderschöne Material zu genießen.

Aber auch hier zählt wie bei allen Büchern nicht nur der Umschlag, sondern vor allem das Innenleben. Und was finde ich da? Alles, was das Herz begehrt!

Zunächst einmal Jahres- und Monatsübersichten. Super, um Zeitblöcke einzutragen wie Urlaube, Seminare, Ferienzeiten. Besonders klasse für Listenfans wie mich: extra Platz für eine Monats-To-do-Liste. Ich freu mich schon aufs Abhaken 😉

Was man immer gern vergisst: Ziele definieren. Praktisch ist der dafür vorgesehene Platz – so verliert man sich nicht so leicht im Alltags-Klein-Klein und hat sein Ziel immer vor Augen. Vor allem aber hat es mir eine andere Rubrik angetan: Was ich für mich tun möchte. Das vergisst man im Alltagsstress eh viel zu oft. Also lieber gleich im Terminkalender als festen Termin einplanen. Ebenso Rückschauen und Reflexionen. Gedanken sind wichtig, um seine Struktur beizubehalten. Was auf Papier steht, ist eingemeißelt für die Ewigkeit – selbst wenn ich dafür meinen geliebten Bleistift benutze. Auch der zugehörige schwarze Kugelschreiber ist sehr schön und liegt gut in der Hand, aber ich bin nun mal Bleistiftfan. Dessen Schrift harmoniert farblich übrigens perfekt mit der Nichtfarbgebung des Kalenders: Einfach nur schwarz-weiß, eben 1c1c. Herrlich, ich mag es nicht, wenn irgendwelche neckischen Illustrationen vom Eigentlichen ablenken. Und der Bleistift passt auch gut zum schwarzen Umschlag, in den ich mittlerweile ganz verliebt bin, so schön fühlt er sich an. Falls ich das noch nicht erwähnt hatte …

Weiter geht es, vom Großen ins Kleine. Jahresübersicht hatten wir, Monatsübersicht hatten wir. Der von mir so geschätzte Wochenüberblick auf einer Doppelseite? Ist auch da. Okay, dann muss ich mich wohl von meiner ebenso geschätzten Tagesübersicht mit viel Platz verabschieden. Denkste! Eine solche Übersicht folgt sofort.

Struktur vom Großen ins Kleine – perfekt. So klappt das. So komme ich auch im nächsten Jahr durch Beruf und Privatleben. Ich glaube, wir werden sehr gute Freunde, der 1c1c und ich.

1c1c-buchkalender-kalender-03

Wer sich von meinem Enthusiasmus anstecken lässt, kann hier mal schauen und auch bestellen: http://www.1c1c.de/screen/product/buchkalender-tageskalender2017

 

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