Roland Herden: Willkommen in Rabitaan

 

Es gibt zurzeit nur ein Thema, über das alle reden, wo sich alle (scheinbar) auskennen und wo alle (offensichtlich) eine Meinung haben. Natürlich hat jeder die einzig richtige 😉 – über die Flüchtlingskrise.

Doch hat jemand schon mal eine Flüchtlingsunterkunft von innen gesehen? Eher nicht, denn man kann ja als Außenstehender nicht einfach klingeln, hineinspazieren und sich umschauen. Schade eigentlich, denn dann wären viele Vorurteile entkräftet.

Roland Herden konnte das jedoch, denn als Security arbeitete er in einer Flüchtlingsunterkunft, um Innenansichten gewinnen zu können. Diese teilt er mit. Erfahrungen mit Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit und einem kleinen Stück vom Glück in Europa landen. Ihre Erfahrungen, Hoffnungen und Träume. Und vor allem: ihre Normalität. Denn nach Herdens ehrlicher Ansicht ist es im Flüchtlingsheim vor allem eins, nämlich ganz normal im Rahmen nicht ganz alltäglicher Umstände. Normale Menschen, die normale Hoffnungen haben. Und ganz viel Rabitaan 😉

Ich empfehle dieses Buch wärmstens für Menschen, die sich nicht nur informieren möchten, sondern gern auch ein kleines Lächeln auf den Lippen hätten, gerade jetzt.

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Roland Herden: Willkommen in Rabitaan, exklusiv bei Amazon

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Die vier Söhne des Doktor March

Im gutbetuchten Haushalt des Doktor March macht die Haushälterin Jeanie eine grausige Entdeckung. Zugegeben, sie hätte nicht im Haus herumschnüffeln und den Pelzmantel der gnädigen Frau anprobieren dürfen. Aber was sie im Futter des Mantels versteckt findet, verschlägt ihr den Atem: Ein anonymes Tagebuch, das minutiös den Mord an der Nachbarstochter gesteht. Und noch viel mehr grausige Details, blutrünstige Phantasien und morbide Ideen bringt Jeanie ans Tageslicht. Wie durch einen Bann zieht es sie immer wieder zu dem Tagebuch hin, das grauenhafterweise immer weitergeschrieben wird, bis sie irgendwann ihren eigenen Namen und den geplanten Mord an ihr selbst zu lesen bekommt. Sollte der Täter sie entdeckt haben? Jeanie vertraut ihre Gedanken ihrem eigenen Tagebuch an, das sie sorgsam versteckt hält.

Schon bald ist klar: Der Mörder weiß Bescheid über Jeanies Entdeckungen – und ein nervenaufreibendes Katz-und-Maus-Spiel beginnt, das Jeanie in den Alkoholismus und an den Rand des Wahnsinns treibt.

Wer ist der Mörder? Er verschleiert gekonnt seine Identität, hält aber den Anschein aufrecht, einer der Söhne des Doktor March zu sein – Vierlinge, die sich extrem ähneln. Für Jeanie wird ihre tägliche Arbeit zur Zerreißprobe, steht sie doch möglicherweise ständig ihrem zukünftigen Mörder gegenüber. Aber am Schluss wird alles einen Sinn ergeben – jedoch zu spät …

Brigitte Aubert gelingt ein Kriminalroman mit der beklemmenden Atmosphäre eines Kammerstücks. Der Kunstgriff, mit dem dies gelingt, ist die besondere Struktur als Briefroman: Allein die Tagebucheinträge Jeanies und des Mörders sind es, die die Handlung vorantreiben – keine Dialoge oder Ähnliches. Daher fühlt man sich als Leser direkt einbezogen, indem man tiefen Einblick in die kranke Psyche des Täters und die immer labilere Verfassung Jeanies erhält.

Der Leser wird geschickt auf´s Glatteis geführt, genau wie Jeanie, die irgendwann gar nicht mehr weiß, wo Gut und Böse liegen – eigentlich ist jeder der Bewohner des Hauses March möglicherweise der Täter. Und dann auch wieder niemand. Wie wahr diese Beobachtung ist, erschließt sich erst am Schluss – als alles zu spät ist.

Ein Meisterstück der klassischen Kriminalliteratur – besonders empfehlenswert für verregnete Herbstabende, wenn der Wind um die Ecken streicht.

 

Brigitte Aubert: Die vier Söhne des Doktor March. dotbooks, 2017

vier söhne des doktor march

 

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Tremendum et fascinosum

Stephan Harbort: Killerfrauen

Das Weibliche – sanft, freundlich, lebensspendend. So sollte man glauben. Nicht: sadistisch, todbringend, kaltblütig. Diese Attribute passen eigentlich nicht in das Bild, das man allgemein vom femininen Geschlecht hat. Doch Stephan Harbort widmet sich in seinem Buch „Killerfrauen“ genau diesem Phänomen, wenn Frauen zu Serienmörderinnen werden. Denn die „schwarzen Witwen“, „Todesengel“ und „Gifthexen“ morden anders als ihre männlichen Pendants, was sie so schwer zu fassen und auch schwer zu begreifen macht. Was ist es, das Frauen bewegt, zu kaltblütigen Mörderinnen, zu Sadistinnen oder zu gewissenlosen Täterinnen zu werden? Stephan Harbort lässt die Killerfrauen selbst zu Wort kommen. Er zeigt ihre Taten, erklärt die Hintergründe und wertet sie aus. Dabei wird schon im ersten Kapitel klar: Nichts ist spannender als die Realität.

Es geht bei den „Killerfrauen“ um mehr als um ein reines Täterprofil. Zwar werden nüchtern die Taten beleuchtet, die sozialen Hintergründe hinzugezogen, Statistiken ausgewertet. Aber Harbort geht einen entscheidenden Schritt weiter, und dieser ist es, der die „Killerfrauen“ so fesselnd macht: Er gibt den Täterinnen ein Gesicht, das abseits des Monströsen liegt. Nicht die Bestie steht im Vordergrund, sondern der Mensch. Vor allem der Mensch mit all seinen Abgründen, mit seinen Ungereimtheiten und seinen emotionalen Sackgassen. Nichts wird entschuldigt, nichts beschönigt, es wird nicht für Verständnis geworben. Aber eine umfassende Kenntnis über das Verbrechen und die Verbrecherin bietet die Möglichkeit, die Tat zu begreifen und zu entschlüsseln.

Rein erzählerisch gelingt dies durch eine ebenso simple wie geniale Erzähltechnik: Ungeschönt und unmittelbar im Präsens wird die Tat der jeweiligen Killerfrau geschildert. Packend wie ein Krimi mit dem besonderen Thrill der Realität – als würde man als Leser mit Grausen der Täterin über die Schulter gucken. Erst danach, wenn man sich schon im Strudel der Geschehnisse befindet, serviert Harbort die „Auflösung“ des Falls, indem er das Täterinnenprofil schildert, die Hintergründe durchleuchtet und für Laien sehr verständlich aufbereitet präsentiert.

Am Schluss findet sich der Leser in einem gewissen Zwiespalt wieder: Die geschilderten Episoden hätten so spannend und unterhaltsam sein können. Wenn, ja, wenn sie nicht tatsächlich in all ihrer Grausamkeit tatsächlich passiert wären. Wenn man doch nur das Buch zuklappen und denken könnte, es sei ja alles nur ausgedacht. Das ist es nicht – und genau dies macht das Tremendum et Fascinosum der „Killerfrauen“ aus.

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Stephan Harbort: Killerfrauen, Knaur 2017

 

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Eine Symphonie des Bösen

Astrid Korten: Zeilengötter. Bis dass der Tod uns scheidet

Malin ist jung, unerfahren und hat Ambitionen als Schriftstellerin. Adrian ist älter, erfahren, ein erfolgreicher Autor – und ihr verfallen. Hochzeit. Der Beginn einer großen Liebe. Sollte man meinen. Doch schon bald entpuppt sich das Märchen als Albtraum.

Neun Jahre später verarbeitet Malin, mittlerweile eine erfolgreiche Bestsellerautorin, erneut verheiratet, Mutter zweier Kinder, ihre Ehehölle in einem Roman, den Adrian zur Kenntnis nimmt. Angestachelt durch Malins sinnliche Lesung aus ihrem erotischen Roman „Rouge“ auf einer Haute-Couture-Show nimmt Adrian seine Exfrau wieder ins Visier. Mit verhängnisvollen Folgen, denn erst jetzt muss Malin erkennen, wozu ihr Exmann wirklich fähig ist. Die Qualen ihrer Ehe waren nur ein bitterer Vorgeschmack dessen, was sie nun noch erdulden muss. Und dann ist da ja auch noch ein weiterer Mann im Spiel …

Der Leser fühlt sich verstrickt in eine extrem dichte Schilderung der Geschehnisse. Rein formal geschieht dies über die interessante Verknüpfung zweier Erzählstile: Den Part Malins erfährt der Leser aus der Ich-Perspektive – direkt, beklemmend, angsteinflößend, voller düsterer Vorzeichen. Der Part Adrians hingegen wird von einem Erzähler geschildert – kühl, berechnend und von erschreckender Klarheit angesichts perfiden Pläne. Man fühlt sich in einen Strudel der Geschehnisse gesogen, aus dem es bis zur spannenden letzten Seite kaum ein Entrinnen gibt.

Dass Astrid Korten die Virtuosin der Poesie des Bösen ist, wussten wir schon lange, schließlich zeichnen sich alle ihre Psychothriller durch die besondere Psychologie der Täter aus. Doch hier geht sie einen Schritt weiter. Nicht die reine Gut-Böse-Dichotomie steht hier im Vordergrund. Es sind die Zwischentöne, die die Symphonie des Psychopathen bestimmen. Es ist nicht nur der psychopathische Täter der Teufel in Menschengestalt, sondern erhält das Böse einen Nährboden, eine unheilvolle Melange aus Wahn und finsteren Leidenschaften. Denn auch Malin ist nicht so blütenrein, wie sie scheint. Und am Schluss werden die Karten ganz neu gemischt.

In der Psychologie des Bösen schlägt Astrid Korten ein neues Kapitel auf. Doch der Boden, auf dem die Rose des Bösen ihre Blüten schlagen kann, ist nicht schwarz oder weiß. Die Zwischentöne zwischen Gut und Böse, Opfer und Täter sind es, die diesen Thriller zu etwas ganz Besonderem machen.

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Astrid Korten: Zeilengötter. Bis dass der Tod uns scheidet. AK Verlag, 2016.

 

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Der 1c1c Monochrom Buchkalender

Die etwas andere Buchbesprechung: Der 1c1c-Buchkalender

Alle Jahre wieder … kommt das Jahresende völlig überraschend. Aber spätestens, wenn man die Termine für den Januar des kommenden Jahres auf vielen Klebezetteln verteilt am Kühlschrank kleben sieht, wird klar: Ein Kalender muss her. Aber welcher?

Ich gebe zu – ich bin oldschool. Ich mag Papier und Bleistift, vor allem für den Kalender. Natürlich ist es praktisch, wenn das Handy oder das Mailprogramm losdudelt und einen mit zeitlichem Vorlauf an einen Termin erinnert. Aber irgendwie mag ich das Haptische an Papierkalendern. Ich habe das Gefühl, mit der Zeit direkt umzugehen, fühle mich sicherer im Managen des Büroalltags und mag vor allem das erhebende Gefühl, mit der Hand ein schwungvolles Häkchen hinter einen erledigten Termin zu setzen.

Ein Kalender muss viele Ansprüche erfüllen – nicht nur 365 Tage möglichst sinnvoll anzeigen. Eigentlich brauche ich den Eier legenden Wollmilchkalender. Eine Wochenübersicht auf einer Doppelseite. Auf einen Blick alle Tage. Aber ich brauche auch großzügige Tageseinteilungen, damit ich möglichst viel möglichst genau notieren kann – schließlich sind da nicht nur meine beruflichen Termine, sondern auch die privaten, die des Kindergartens, die der Schule, die des Reitvereins … Also gleichzeitig knappe Wochenübersicht und großzügige Tagesansichten. Hm-hm.

Und Notizen, ich brauche Platz für Notizen. Und für To-do-Listen. Und die Ferienzeiten. Und, und, und.

Das alles in einem Kalender! Da hilft nur eins, Prioritäten setzen und einen Kompromiss finden.

Oder: Ich greife zum 1c1c-Buchkalender. Starkes Teil, da hat man was in der Hand. Aber was! So schön fühlt sich der Filzumschlag an. Ordentlich dick ist das Material, bereit, mich durch die kommenden zwölf Monate zu begleiten, ohne Altersermüdung zu zeigen. Wo ist noch gleich der Bleistift? Klar, im Bleistiftfach, gleich vorn drauf. Schick, schick. Man möchte ihn eigentlich erst mal nur streicheln, um das wunderschöne Material zu genießen.

Aber auch hier zählt wie bei allen Büchern nicht nur der Umschlag, sondern vor allem das Innenleben. Und was finde ich da? Alles, was das Herz begehrt!

Zunächst einmal Jahres- und Monatsübersichten. Super, um Zeitblöcke einzutragen wie Urlaube, Seminare, Ferienzeiten. Besonders klasse für Listenfans wie mich: extra Platz für eine Monats-To-do-Liste. Ich freu mich schon aufs Abhaken 😉

Was man immer gern vergisst: Ziele definieren. Praktisch ist der dafür vorgesehene Platz – so verliert man sich nicht so leicht im Alltags-Klein-Klein und hat sein Ziel immer vor Augen. Vor allem aber hat es mir eine andere Rubrik angetan: Was ich für mich tun möchte. Das vergisst man im Alltagsstress eh viel zu oft. Also lieber gleich im Terminkalender als festen Termin einplanen. Ebenso Rückschauen und Reflexionen. Gedanken sind wichtig, um seine Struktur beizubehalten. Was auf Papier steht, ist eingemeißelt für die Ewigkeit – selbst wenn ich dafür meinen geliebten Bleistift benutze. Auch der zugehörige schwarze Kugelschreiber ist sehr schön und liegt gut in der Hand, aber ich bin nun mal Bleistiftfan. Dessen Schrift harmoniert farblich übrigens perfekt mit der Nichtfarbgebung des Kalenders: Einfach nur schwarz-weiß, eben 1c1c. Herrlich, ich mag es nicht, wenn irgendwelche neckischen Illustrationen vom Eigentlichen ablenken. Und der Bleistift passt auch gut zum schwarzen Umschlag, in den ich mittlerweile ganz verliebt bin, so schön fühlt er sich an. Falls ich das noch nicht erwähnt hatte …

Weiter geht es, vom Großen ins Kleine. Jahresübersicht hatten wir, Monatsübersicht hatten wir. Der von mir so geschätzte Wochenüberblick auf einer Doppelseite? Ist auch da. Okay, dann muss ich mich wohl von meiner ebenso geschätzten Tagesübersicht mit viel Platz verabschieden. Denkste! Eine solche Übersicht folgt sofort.

Struktur vom Großen ins Kleine – perfekt. So klappt das. So komme ich auch im nächsten Jahr durch Beruf und Privatleben. Ich glaube, wir werden sehr gute Freunde, der 1c1c und ich.

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Wer sich von meinem Enthusiasmus anstecken lässt, kann hier mal schauen und auch bestellen: http://www.1c1c.de/screen/product/buchkalender-tageskalender2017

 

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Das Ungeheuer namens Terror

Jennifer B. Wind: Als der Teufel erwachte 

Nach „Als Gott schlief“ geht es nun weiter mit dem Ermittlerduo Jutta Stern und Thomas Neumann.

Mitten im Sommer 2015, als das Wort „Flüchtlingskrise“ in aller Munde ist, sieht sich die Polizei in Wien mit einem mysteriösen Fall konfrontiert: zwei Leichen unbekannter Herkunft, aber arabischen Aussehens, in einem Kofferraum. Die Autobesitzerin ist ahnungslos und ebenso geschockt wie alle Beteiligten.

Wer sind die Toten? Und wie kamen sie in den Kofferraum?

Jutta und Tom beginnen mit ihren Ermittlungen. Und kaum haben sie an der Oberfläche gekratzt, ergeben sich Dimensionen von ungeahnter Vielschichtigkeit, die tief mit den schmutzigen Geschäften des Menschenhandels, des Schlepperwesens und letztlich der Mafia verstrickt sind.

Jennifer B. Wind gelingt ein Thriller, der allen Ansprüchen gerecht wird: Packend geschrieben mit einer sofort fesselnden Handlung und zudem einem sauber recherchierten und brandaktuellen Hintergrund. Das eigentliche, bestimmende Thema des Thrillers sind allerdings nicht die Morde. Es steckt letztlich etwas viel Größeres hinter der Story: die Mechanismen, die zu Gewalt, Krieg und Terror führen. Und wie die Unschuldigsten und Schwächsten in die Mühlen der Gewalt geraten und schuldlos zu Opfern werden.

Besonders hervorzuheben sind die Wechsel der Erzählperspektiven: Es kommen nicht nur die Ermittler zu Wort, sondern auch immer wieder die Opfer von Krieg und Terror, die von ihrem Leben voller Gewalt und ihren Beweggründen für die extrem risikoreiche Flucht berichten, von den Ängsten, dem Leiden und dem Sterben. Denn nicht die Mächtigen sind die Leidtragenden von Gewalt und Terror überall auf der Welt, sondern die Schwachen und Hilflosen – wie selbst die taffe Jutta leidvoll erfahren muss.

Absolut faszinierend ist es für den Leser zu erleben, wie sich aus dem schier undurchdringlichen Knoten von Gewalt, Lügen und Macht langsam aber sicher die Fäden lösen und jedes Puzzleteil der Handlung an den richtigen Platz rückt – nichts ist mehr so, wie es am Anfang schien. Und der Schluss macht klar, welches Ungeheuer nun aus dem Terror erwacht …

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Jennifer B. Wind: Als der Teufel erwachte, emons 2016

 

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Sina Trinkwalder: Fairarscht. Rezension von Matthias Jung

Auf dem Blog meines Bekannten Matthias Jung fand ich die Rezension zu einem Buch, die mich sehr angesprochen hat. Selbst habe ich das Buch noch nicht gelesen, werde es aber definitiv bald nachholen. Aber hier einmal frisch reblogged:

Schlichtweg weniger konsumieren. Gedanken zu „Fairarscht“ von Sina Trinkwalder

von Matthias Jung

Ich gestehe, der Titel hat mich erst mal abgeschreckt.
Erstens fand ich ihn (zu) reißerisch.
Zweitens dachte ich, was soll fair mit „Verarsche“ zu tun haben?!

Klar, Sina Trinkwalder, die sagte mir was.
Und ich folge ihr schon länger auf Twitter.
Dann las ich die Rezension meines Kollegen Heiko Kuschel und dachte:
Okay, vielleicht solltest du das Buch doch lesen.

Gesagt, gekauft, gelesen.
Fast in einem Zug (in einem Zug).

Vieles kannte ich schon:
Händler, die Produzenten mit Preisen unter Druck setzen.
Discounter, die nur auf Gewinnmaximierung aus sind.
Immer niedrigere Einkünfte für landwirtschaftliche Betriebe, von Kaffeebauern ganz zu schweigen.
Siegel und ihre Probleme.
Die Wegwerf-Mentalität.
Die damit verbundene mangelnde Wertschätzung von Produkten.
Und der menschlichen Arbeit, die dahinter steht.
Das Sich-gegenseitig-die-Schuld-zu-schieben.
Die mangelnde Transparenz, nicht nur der Lieferketten.
Das Gefühl der Überforderung bei mir als Konsumenten.
Obwohl es doch angeblich immer nur um unsere Wünsche als Konsument/-innen geht.
Und so weiter und so fort.

Das Buch ist ein guter und leichter Einstieg.
Für Menschen, die sich bislang nicht oder wenig mit solchen Fragen beschäftigt haben.

Aber auch für mich als Insider war es lesenswert.
Sehr lesenswert.
Aus Gründen.
Vier Gründen.

1. Zum Beispiel die Beispiele.

Beispiele sind immer gut.
Sie sind anschaulich und prägen sich ein.

Schön fand ich die Geschichte von Mon Cherie und der Piemont-Kirsche.
Die Kirschen waren nämlich gar nicht frisch im Herbst, nach der langen Sommerpause.
Sondern kamen aus dem letzten Jahr, aus Polen oder Chile.
Tiefgekühlt.
Der Rest war geniales Marketing.

Oder die Geschichte vom Analogkäse, in dem gar kein Käse war.
Dafür auf unseren TK-Pizzen landete.
Aufdeckung, Aufschrei, vom Markt verschwunden.
Dann vegan umdefiniert und mit Gewinn weiterverkauft.
Geschickt gemacht, keine Frage.

Oder die Tatsache:
Vieles, was ich beim Discounter kaufen kann, ist nach Bio-Normen hergestellt.
Denn es stammt aus den Überschüssen der Bio-Produktion.
Wenn  die der Bio-Handel nicht mehr nimmt, nehmen kann, nimmt es gerne der Discounter.
Zum Vorzugspreis, versteht sich.

Fairarsche nennt Trinkwalder solche und ähnliche Vorgehensweisen.
Manches lässt mich schmunzeln, anderes überrascht und ärgert mich.

2. Bio und fair, fair oder bio oder was?

Überzeugend finde ich die These:
Wenn fair und bio geht, dann fair und bio, klar.
Wenn aber nur fair oder bio möglich ist, dann bio.
Denn:

Fairness ist jederzeit änderbar und einführbar. Der Raubbau an der Natur, das Zerstören unserer fruchtbaren Böden durch Pestizide und Monokulturen, hingegen ist irreparabel. Flora und Fauna, die verloren ging, kann man nicht einfach so wiederherstellen. Bio ist demnach wichtiger. (102)

Leuchtet mir ein.

3. Die zwiespältige Rolle von NGOs und Fairtrage

Mich hat sehr nachdenklich gemacht, was Sina Trinkwalder über NGOs und Fairtrade schreibt.
Als Christ, Theologe, Pfarrer und Referent im Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt.
Klar, Brot für die Welt, Greenpeace, Campact oder wer auch immer –
sie verfolgen immer auch eigene Interessen.
Es geht um Ansehen, und, ja, auch um Arbeitsplätze.
Erschreckt hat mich aber, dass sich viele dieser Institutionen offenbar die Hände selbst mit schmutzig machen.
Trinkwalder wirft ihnen vor:
An manchen (oder vielen?) Stellen seid ihr bereits Teil des Systems.
Ihr tut das, um weiter Projektgelder zu erhalten und euren Einfluss in der Öffentlichkeit nicht zu verlieren.
Doch so verliert ihr die kritische Distanz.

Da wird die Autorin manchmal spitz, ja böse.
Sie hat ihre Erfahrungen gemacht.

Dennoch:
Ich vermute, dass die Wahrheit irgendwo dazwischen liegt.

Und:
Zukünftig werde ich hier genauer hinsehen und nachfragen.
Bei meinen Kontakten zu und Projekten mit NGOs in diesem Feld.
Das ist für mich der wesentliche Erkenntnisgewinn dieses Buches.

4. Die ehrliche und authentische Schreibweise

Sina Trinkwalder schreibt authentisch.
Sie hat ein Textilunternehmen aufgebaut hat, das ausschließlich und alles in Deutschland produziert.
Daher nimmt man ihr ab, was sie schreibt.
Wenn man so will, sie hat das Recht so zu schreiben.
Sie „darf“ das.

Aber sie ist auch ehrlich.
Gibt Einblicke in ihr Seelenleben.
Und ich entdecke mich wieder.

Wenn sie meint, auf dem richtigen Weg gewesen zu sein –
nur um dann festzustellen, dass sie doch wieder nur verarscht worden ist.
Wenn sie erzählt, dass die Verzweiflung wieder einmal in ihr mächtig ist.
Wenn sie aufzeigt, wo und an welchen Stellen auch sie keine Alternativen sieht.
Manchmal mit Augenzwinkern und Humor.
Also, ein Trikot vom FCA, das muss im Stadion schon sein.
Gibt es aber nicht in bio und/oder fair.

Ich schlage mich ja auch ständig mit der Frage herum:
Wie kann das gehen mit bio und/oder fair?
Daher finde ich das Buch nicht nur ehrlich und authentisch –
sondern auch entlastend einerseits und mutmachend andererseits.
Denn einfache Lösungen gibt es nicht.
Kröten müssen wir weiter schlucken, viele.
Es bleibt schwierig für uns Kunden, wie Sina Trinkwalder an einer Stelle schreibt, aber auch:

Wenn man wirklich will, findet man Wege, sonst kracht uns die Kiste um die Ohren! (175)

Ja, wahrscheinlich gilt es nicht zu entscheiden zwischen schwarz und weiß,
richtig und falsch,
gut und böse.
Von Schattierungen spricht die Autorin.

Ich würde das so sagen:
Die Wahrheit, der Weg und das Leben liegen eher im grauen Bereich.
Im mausgrauen Alltag.
Langweilig.
Zäh.
Widersprüchlich.
Anstrengend.
Überhaupt nicht medienwirksam.
Aber genau da liegen Wahrheit, Weg und Leben.

Am Ende läuft es auf einen simplen Satz hinaus:

Schlichtweg weniger konsumieren. (178)

So einfach.
So schwierig.
So sinnig.
So befreiend.

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